Je suis Europe – Von Frankreich bis Berlin

Europäisches Berlin

Berlin Eine Stadt, die nicht europäisch genug sein kann

Bei uns in Berlin da pulsiert ein Vibe – ein europäischer Vibe. Hier ist Europa ganz vorbildhaft, wie man es gerne hätte. Hier probiert man erst einmal drei Sprachen aus, wenn man einen Kaffee bestellen will. Hier kommt man lässig ohne Deutschkenntnisse durch den Job und durch das Leben. Hier sind wir Europäer gutgesonnene Nachbarn im Kreuzberger Hinterhof. Berlin ist ein Schmelztiegel der Nationen und Kulturen. Die Vielfalt Europas sammelt sich um genau zu sein in Form von 250.000 EU-Bürgern (Stand Ende Juni 2016, Quelle: Tagesspiegel) in den Grenzen dieser Stadt. Polen, Italiener, Bulgaren, Rumänen, Spanier, Griechen – sie loben die Toleranz der Stadt, die guten Manieren der Deutschen und die politische Kultur. Dann kommen sie alle hier zusammen und haben mittelfristig ein erträgliches Leben. Alles in allem wie ich finde ein ganz guter Zustand. Statt Deutsch spreche ich Englisch und höre mich den lieben langen Tag durch Französisch. Mit Freunden und Familie werfe ich im Messenger die genormte deutsche Schriftsprache über Bord. Ich lebe und liebe den internationalen Impuls, welcher dieser Stadt einen gefühlt endlosen Horizont verschafft. Dass ein paar Zugezogene dann auch scheitern, weil sie glauben, ihr kleines schmuckes Café eröffnen zu müssen, ohne ein Wort Landessprache sprechen zu können und dann überrascht sind, dass diverse Gesetze missachtet wurden und der Laden gleich erst einmal wieder dicht gemacht werden muss, das steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Doch viele dieser Europäer kommen auch gar nicht nach Berlin, weil es so viel Style hat hier zu Lande europäisch zu sein. Oft gehen dem Entschluss in Berlin anzukommen und weiterzumachen Frustration, Enttäuschung und Verdruss voraus. Viele sind gekommen um zu bleiben – gerne auch für immer, weil zurück gehen keine Option ist.

Franzosen in Berlin

Fallbeispiel Frankreich

– aus Gründen der persönlichen Verstrickung und aufgrund der anstehenden Präsidentschaftswahl im April. Für mich ist Frankreich immer noch ein ganz nettes Land mit einer Schlaraffenland-artigen Auswahl an Tartelettes, soliden Kosmetikprodukten und sprudelnden Weinquellen. Unvorstellbar, dass man von da wegzieht und auch gar nicht mehr hin zurückwill. Wenn man allerdings in Berlin lebt, ist die Chance recht hoch ausschließlich auf derartig gepolte französische Mitmenschen zu stoßen. Diese erklären mir dann stets und mit Nachdruck, warum sie lieber in Kauf nehmen, sich den streng riechenden Lieblingskäse als Päckchen ins Büro schicken zu lassen, als direkt an der Quelle in Frankreich zu leben.

Im Jahr 2013 schrieb der französische Unternehmer Felix Marquardt einen Artikel mit dem Titel „The best hope for France’s Young? Get out!“ in der New York Times und leitete diesen mit den Worten ein: „The French aren’t used to the idea that their country, like so many others in Europe, might be one of emigration — that people might actually want to leave“. Aber blicken wir den Tatsachen ins Auge: Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 25,9% (Stand November 2016, Vergleich Deutschland: 6,7%) bleibt den meisten jungen Franzosen gar nichts anderes übrig. Doch natürlich sind nicht nur mangelnde Optionen Grund für gepackte Koffer, sondern auch der Reiz neuer Möglichkeiten und der persönliche Weitblick über den Tellerrand. Wenn es allerdings nach Marquardt geht sollten zahlreiche junge Franzosen das Land verlassen, um nach ein paar Jahren mit neuer Energie und Enthusiasmus in die Heimat zurück zu kehren. Man darf ja wohl noch träumen dürfen. Denn es gibt noch einen entscheidenden Grund, warum so viele französische Staatsbürger nicht allzu schnell den Heimweg antreten – die Politikverdrossenheit im eigenen Land. Diese kann ich zwar nicht empirisch belegen, aber es ist eine gefühlte Wahrheit, die ich Gesprächen in den eigenen vier Wänden und meinen Lunch-Runden entnehme, die sich regelmäßig um die Politik Frankreichs und ihre Hauptakteure drehen. Doch wer sorgt da genau für den Unmut dieser jungen Franzosen?

Nun, für meinen kleinen Schwenk ist es wohl nicht einmal von Nöten allzu viele Gedanken an Marine le Pen zu verschwenden. Nicht, weil sie keine reellen Chancen hat die nächste Präsidentin Frankreichs zu werden (ganz im Gegenteil, denn sie lag laut Umfragen sogar einige Zeit in Führung), sondern weil  ich von der Vorsitzenden der Rechtsaußen-Partei Front National nicht gerade ein verheißungsvolles Wahlprogramm oder besonders galantes Vorgehen erwarte. Glücklich wird hier nur, wer Lust auf „Frexit“ und eine „Trumpisierung“ Frankreichs hat. Man müsste sich allerdings auch nicht der Gefahr ausgesetzt sehen, dass Marine Le Pen das Rennen macht, wenn ihr überlegene Präsidentschaftskandidaten gegenüber stehen würden. Davon kann aber nicht wirklich die Rede sein. Und auch der Rest des politischen Gebarens Frankreichs, abseits vom Präsidentschaftswahlkampf, ist durchzogen von ausreichend Stumpfsinn, welcher eine Dauersatiresendung füllen könnte. (Diese gibt es zum Glück schon in Form von Quotidien mit Yann Barthès) Sie alle zusammen schaffen es Hand in Hand die Génération précaire in die Flucht zu schlagen.

Momentaufnahme des französischen Politparketts

Es gibt da einen, der Le Pen stoppen wollte, doch dann hat er sich ganz laissez-faire in eine Affäre verstrickt. Le Pens Herausforderer François Fillon aus der konservativen Partei Die Republikaner machte nämlich erst kürzlich mit einer Scheinbeschäftigungs-Affäre um seine Ehefrau Schlagzeilen. Diese soll für vermeintliche Scheintätigkeiten als „parlamentarische Mitarbeiterin“ innerhalb von 15 Jahren mindestens 900.000 Euro aus Steuermitteln erhalten haben. Mit seinem Penelope-Gate beförderte Fillon sich ins Abseits und stellte sogar Le Pens eigene Affäre um Scheinbeschäftigung in den Schatten. Das EU-Parlament verlangt von ihr circa 300.000 Euro zurück, da sie zwei EU-Parlamentsmitarbeiter rechtswidrig für ihre Partei beschäftigt haben soll. Für sich genutzt hat die Situation allerdings auch der sozialliberale Jungstar Emmanuel Macron. Der Martin Schulz Frankreichs ist programmatisch zwar bisher schwach aufgestellt, aber ein Befürworter Europas und ein Fan Angela Merkels. Zum Radiosender France Inter sagte er: „Man kommt in Europa nicht voran, wenn man gegen die Deutschen ist“. Er bleibt zumindest ein Hoffnungsträger gegen Le Pen.

Das Feld der sozialistischen Kandidaten ist hingegen unübersichtlich. Anstatt geschlossen und mit einem starken Kandidaten dem FR entgegenzutreten, waren der Parteilinke Benoît Hamon aus dem linken Flügel der Parti Socialiste und der Ex-Premier Manuel Valls aus dem rechten Flügel der Sozialisten erst einmal damit beschäftigt Grabenkämpfe auszutragen und die zukünftige Richtung der Partei zu bestimmen. Das Rennen machte letzen Endes Hamon, welcher nun einen Neuanfang wagen und sich von der Politik Hollandes absetzen will. Schön, wenn sie das auch mal geklärt haben, aber da wäre immer noch Bleu Marine, die in der Zwischenzeit nette Imagefilmchen dreht. Vielleicht schafft es ja der Europa-Parlamentarier Jean-Luc Mélenchon von der Parti de Gauche (Linkspartei), sich gegen Le Pen zu stellen. Zumindest wird auch er als geheimer Joker gehandelt. Und seien wir mal ehrlich, wer als 65-jähriger Politker zum Youtuber wird und sich zum Wahlkampfauftakt als Hologramm von Lyon nach Paris beamt, der hat die jungen Wähler doch voll im Griff. Doch Politik wird ja nicht nur von den Präsidentschaftskandidaten gemacht. Auch das restliche politische Parkett Frankreich beweist, dass es gut darin ist sich in Affären zu verstricken und Dummheiten zur Schau zu stellen. Natürlich können das unsere Politiker auch ganz gut, doch ich wage zu behaupten, dass Frankreich im Punktestand vorne liegt. Nicht zuletzt, weil das französische Volk entweder gern wegsieht, schneller verzeiht, schon längst aufgegeben hat oder es aus Gleichgültigkeit einfach hinnimmt, dass eine Vielzahl seiner Politiker korrupte Schaumschläger sind.

Nehmen wir zum Beispiel den Politiker Jean-François Copé aus der konservativen Oppositionspartei UMP, der bei einem Interview auf die Frage hin, was wohl so ein handelsübliches Croissants kostet ins Stocken geriet und mit seiner Antwort „10 Cent“ sensationell weit danebenlag – ein wahrhaft volksnaher Typ dieser Hans Franz. Oder aber auch Henri Guaino, ehemalige Redenschreiber des früheren Staatspräsidenten Frankreichs Nicolas Sarkozy, dem einfach unklar ist, wie er von seinen 5.100 Euro Nettogehalt im Monat noch was zum Sparen zur Seite legen soll. Ach und wie war das mit den kriminellen Hobbies von Patrick Balkany, der ja nur wegen Steuerhinterziehung, Bestechung und Korruption angeklagt wurde und einen Platz ganz oben in den Panama Papers ergattern konnte, aber immer noch ganz unbesonnen jeden Morgen als Bürgermeister von Levallois-Perret in seinem Amtsstuhl Platz nimmt.

Eine junge Generation Franzosen kommt geläutert zu uns und kann es nicht fassen, dass sich in ihrer Heimat nichts ändern will. Dass Politiker sich immer noch ungestraft Skandale leisten können und sich Reformen schon lange keine Bahnen mehr brechen können. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie bleiben, weil sie die Nachrichten über unser politisches Geschehen nicht verstehen oder weil sie wirklich glauben, dass sie hier in einem besseren Land leben. Aber solange es ihnen hier gefällt habe ich sie gerne als Nachbarn, Kollegen und Freunde in unserem Klein-Europa.

Nachtrag.

Frankreichs Präsident François Hollande wurde in einem Interview von M6 gefragt, was er zu den jungen Menschen sagen würde, die nicht in der Lage sind in Frankreich einen Job zu finden und ihre Hoffnung verloren haben.  Mit seiner Antwort schließt er den Kreis der auf den Kopf gefallenen Politiker: “I’d tell this young person that France is your country. This country loves you.“ Starke Worte, ich denke das ändert alles.

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