Warum Paris keine Stadt fürs wahre Leben ist

Je ne t'aime plus Paris - Warum Paris keine Stadt fürs wahre Leben ist

Je ne t’aime plus mon amour. Je ne t’aime plus tous les jours.

Paris, du Stadt der Lichter und Liebe, du Kulisse großer Filme und du Heimat schönster Literatur – ich muss dir gestehen, ich liebe dich nicht mehr so, wie ich dich einst in meinen träumerischen Vorstellungen geliebt habe. Doch sei nicht traurig, es gibt noch viele Millionen Menschen, die dich vergöttern. Solche, die sogar extra aus dem fernen Asien anreisen, um vor deinem eisernen Turm Hochzeitsfotos von sich schießen zu lassen. Oder solche, die sich für dich in Streifenshirts stecken und am Troquadéro mit Himbeer-Macaron in der Hand Erinnerungsfotos mit dir schießen. Ich selbst mag dich auch noch sehr gern, aber eben etwas weniger, als zu Beginn unserer Beziehung.

Je ne t'aime plus Paris - Warum Paris keine Stadt fürs wahre Leben ist

Nach meinem letzten Paris-Besuch Ende Juni hatte ich das Bedürfnis mit meinen Gefühlen für die Stadt der Liebe aufräumen und einen kleinen Abgesang auf die Hauptstadt Frankreichs zum Besten geben zu müssen. Und das obwohl ich die Stadt erst 2014 das erste Mal im wahren Leben zu Gesicht bekommen habe. Doch irgendwie hatte ich schon immer das Gefühl, die Stadt bereits zu kennen. Das kommt wohl von den vielen Filmen, die ich bis dahin gesehen habe und in denen Paris Schauplatz von großen Gefühlen und Taten ist. Wenn man nur ausreichend von diesen schaut, kann man sich ziemlich schnell einreden die Stadt zu kennen. Und dann glaubt man eben auch, dass das der Ort für die große Liebe und ein erfülltes Leben ist.

Mittlerweile referieren meine Paris-Kenntnisse zum Glück nicht mehr nur auf gefühlsbetontes Kino, sondern auf Gespräche mit Kollegen, Freunden und ja fast schon Familie, aber auch auf meine regelmäßigen Besuche in der Stadt. Von diesen hat es allerdings nur drei an der Zahl gebraucht, um zu realisieren, dass die Haussmann-Fassade arg bröckelt, wenn man genauer hinsieht. Ich will Paris nicht für alle, die diese Stadt lieben schlecht reden oder einfach aus Prinzip gegen sie sein, ich finde jedoch, dass Paris manchmal zu sehr über den grünen Klee gelobt wird. Mit diesem Artikel wollte ich einfach mal so frei sein und über die unfotogenen und misslungenen Seiten der Metropole sinnieren. Vielleicht hilft das ja dem ein oder anderen auch über den Trennungsschmerz hinweg, wenn er Paris wieder verlassen muss.

Natürlich bin auch ich immer wieder gern zurück in den Straßen der Stadt, um meinem Kleinstadt-Gaumen Haute Cuisine zuzuführen oder ein wenig Pariser Chic aufzusaugen, aber mittlerweile weiß ich auch, dass all diese Verlockungen nur im Urlaub schön sind und dass Paris als Wohnort ziemlich ungemütlich werden kann – außer vielleicht mit einer größeren Menge Geld auf dem Sparbuch.

Mit einem durchschnittlichen Gehalt und keinem Vermögen auf dem Konto fangen die Probleme allerdings direkt an. Abgesehen davon, dass die Wohnungssuche innerhalb der Stadtgrenzen in (nicht statistisch erhobenen) 80% der Fälle zum Albtraum wird und man ohne Bankkonto auch gar keinen neuen Wohnsitz mieten darf – (man aber ohne Wohnsitz kein Bankkonto bekommt), sieht man sich am Ende dazu genötigt, in eine Wohnung zu ziehen, die der Beinfreiheit eines Wellensittichkäfigs nahe kommt.

#1 Winzige Wohnungen

Ich war bisher in exakt einem einzigen Pariser Badezimmer, in dem ich zwei Schritte machen konnte. Alle anderen konnte man nur mit einem Seitschritt oder mit einem Ums-Eck-Schritt betreten. Man stelle sich nun folgendes so stattgefundenes Szenario vor: Ich verschaffe mir mit besagtem Seitschritt Zutritt zum Badezimmer, lege meine Habseligkeiten auf Waschbecken- und Badewannenrand ab und drehe mich wieder zur Tür, um jene zu schließen. Dabei stoße ich mit meinem Ellenbogen an den Kontaktlinsenbehälter, welcher bis eben noch auf dem Waschbecken stand und nun unter die Badewanne rollt. Ich überlege, wie ich mich danach bücke, denn ein straightes Abknicken nach vorne ist nicht möglich. Stattdessen gehe ich also in die Knie, recke meinen Arm aus und taste blind im Dreck. Ich entdecke den Kontaktlinsenbehälter, greife ihn und stemme mich mit meinen verkümmerten Oberschenkelmuskeln wieder nach oben – wobei ich leider mit meiner Rückseite die sich ebenfalls auf dem Waschbecken befindliche Zahnbürste hinunter werfe, die zur gegenüberliegenden Seite in den Abgrund fällt. Ich stehe auf, drehe eine Pirouette und das Schauspiel geht wieder von vorne los.

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#2 Teure Mieten

Nun kann man vielleicht sein Inventar aufgeben und in eine dieser winzigen Wohnung ziehen, man sollte aber bereit sein, Körperstatur und Gewicht zu halten, um nicht auf die Dusche verzichten zu müssen. Richtig schmerzhaft wird es zudem, wenn man für solch 40 Quadratmeter über 1000 Euro Miete bezahlen muss.

#3 Schlechte Bausubstanz

Es ist aber gar nicht nur die Größe der Wohnungen, sondern auch ihre grandiose Bausubstanz. Ich gebe zu, die Architektur ist herrlich romantisch und die Gebäude wundervoll antik, aber das bedeutet auch, dass Rohre und Wände seit dutzenden Jahren vor sich hin gammeln. Schimmel an den Wänden und kalkiges Wasser aus brüchigen Rohren sind keine Seltenheit. Aber wer es rustikal mag, der kann auch damit leben.

#4 Hohe Lebenshaltungskosten

Natürlich sind nicht nur die Mieten horrend, sondern auch die Lebenshaltungskosten. Laue Sommerabende auf der Terrasse, immerwährende Gaumenfreuden und süßen Leckereien in den Pâtisserien gehen schon nach einer Woche mächtig ins Geld. Vier Euro für den Kaffee und vier Euro für das Tartelette framboises, neun Euro für den Vino auf der Terrasse und 15 Euro für einen Burger. Essen außer Haus ist in Paris eine Investition. Aber auch Supermarkt-Einkäufe schlagen zu Buche.

#5 Mangelnde Vegetarier-Tauglichkeit

Wo wir gerade beim Essen sind – das mag kein Paris-Problem für Jedermann sein, aber mindestens das aller Vegetarier und Veganer. Die Restaurants mit vegetarischen Menüs sind in Paris nämlich selten. So richtig scheint das Konzept vom fleischlosen Leben hier noch nicht angekommen zu sein. Gut, ich will mich nicht nur beklagen, denn uns Vegetariern bleibt ja wenigstens noch der wunderbare Käse Frankreichs. Veganern ist damit leider immer noch nicht geholfen.

#6 Die Pariser

Findest du etwa, dass ich mich zu viel beschwere? Gewöhn dich besser daran, falls du darüber nachdenkst nach Paris zu ziehen. Die Pariser sind ein mürrischer Haufen und Respektlosigkeiten sind alltäglich. Ein Miteinander ist schwer zu ermitteln, aber dass Franzosen und besonders Pariser unfreundlich sind gehört ja schon zur Attitüde – um wenigstens ein paar Klischees zu bedienen. Nach vorne gibt es Bisous und hinten rum spotten die Pariser gegenseitig über sich ab. Und auch das Phänomen „La Parisienne“ hat ihre Schattenseiten. Ein Gespür für Mode und Eleganz kann nicht abgestritten werden, aber unglaublich herzliche und freundliche Damen stecken meist nicht im Trenchcoat. Die Pariserinnen sind feministisch, selbstbewusst und stark im Ablehnen – das gilt aber auch für die Gefühle gegenüber ihrer Mitmenschen.

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#7 Luftverschmutzung

Und abgesehen von den Menschen, der imposanten Architektur und den romantischen Brücken? Über allem liegt leider eine dicke fette Smogschicht. Immer wieder ist die Luft in Paris sogar so schlecht, dass man nur noch Umrisse von einigen Pariser Sehenswürdigkeiten erkennen kann. Wenn Paris wieder von einer neuen Feinstaubwolke betroffen ist, tränen die Augen und beim Sprechen kratzt der Hals. Und warum ist die Luftverschmutzung in Paris so besonders hoch? Zum einen weil viele Pariser im Winter gern ihre Kamine mit Holz befeuern und zum anderen wegen dem starken Verkehrsaufkommen auf den Straßen der Stadt. Sich mit dem Auto durch Paris zu bewegen ist ein Albtraum und dennoch fahren unzählige Bewohner mit dem Auto durch die Metropole, um von den Vororten zur Arbeit zu fahren oder aus dem Zentrum in die außenliegenden Gebiete.

#8 Metro

Dann wäre es ja eigentlich eine ganz gute Idee die Metro zu nehmen möchte man meinen– aber bitte nur, wenn man im Sommer bei 30 Grad Außentemperatur nicht direkt erstickt oder es einem bei dem Geruch nicht den Magen umdreht. Bleiben aber immer noch die Menschenmassen, die die Fahrt in der Metro zu einem intimen Erlebnis machen. Und wenn man dann doch mal auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen ist, weil man nach einer Flasche Wein nicht mehr fahren sollte, dann kann man direkt ein paar Zehner ins Taxi investieren oder auf den Nachtbus warten, denn die Metro schließt ihrerseits um ein Uhr die Pforten.

#9 Nicht vorhandene Fahrradfreundlichkeit

Vielleicht ist dann das Fahrrad die perfekte Lösung? Super Idee, wenn du deinem Leben vorzeitig ein Ende setzen willst. Fahrradwege auf den Busspuren sind hier schon das höchste aller Gefühle. Bei meiner letzten Spritztour auf dem Vélib‘ habe ich abwechselnd geflucht und um mein Leben geschrien. Von Fahrradfreundlichkeit hat man in Paris noch nicht viel gehört.

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#10 Kriminalität

Kommen wir zu meinem finalen Argument, welches Paris seinen Glanz raubt: Die Kriminalität der Stadt. Wenn ich mit zugezogenen Pariserinnen darüber rede, dann erzählen sie davon, wie sorglos sie selbst in Berlin sein können, wenn sie nachts allein den Heimweg antreten. In Paris sitzt einem besonders als Frau die Gefahr im Nacken, einige Gegenden sollte man sogar komplett meiden. In der Jackentasche hält man am besten etwas fest umschlossen in den Händen, was einem im Notfall als Waffe dienen könnte. Abgesehen davon liegt nördlich von Paris das Département mit einer der der höchsten Kriminalitätsraten Frankreichs: Seine Saint-Denis. Aber auch in der Stadt lauern die Taschendiebe an jeder Ecke. Jeden Tag werden unzähligen Menschen die Handys aus der Hand gerissen. Wertgegenstände auf den Tischen der Terrassen liegen zu lassen empfinden die Kleinkriminellen regelrecht als Einladung. Ich gebe zu: Paris ist nicht die Bronx, aber man sollte immer wachsam durch die Straßen gehen und Vorsicht walten lassen. Diese ständige Bedrohung ist doch nichts, womit man sich im Alltag auch noch belasten möchte.

Anyway – ich denk nun reicht es mit all der Kritik an Paris. Wer mir ein wenig folgt, der weiß, dass ich auch ziemlich gut darin bin, die schönen Seiten der Stadt zu würdigen. Doch es bleibt dabei, als Wohnort kommt Paris für mich wohl nicht mehr in Frage. Das Leben als Pariserin habe ich mir abgeschminkt – aus Relitätsgründen. Aber man soll ja niemals nie sagen. Die Grande Nation ist innerhalb meiner Zukunftspläne auf jeden Fall eine Option, aber vielleicht geht es dann doch eher nach Bordeaux, Nantes oder gar zurück nach Lyon? Vielleicht kannst du eine Stadt in Frankreich empfehlen, die wie geschaffen ist für ein erfülltes und schönes Leben? Ich würde mich freuen davon zu hören! Vive la France!

Übrigens, wer das ganze Thema mit ein bisschen Humor betrachtet und noch mehr über die unverständlichen Sitten und Gewohnheiten der Franzosen erfahren will, dem sei der Youtube-Kanal What the Fuck France des Engländers Paul Taylor ans Herz gelegt. Viel Vergnügen!

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